
Letzte Woche, vom 12.5 - 15.5 fand ich St. Gallen der sehr umstrittene 3. Internationale Matriarchatskongress in St. Gallen statt. Zuerst ein paar allgemeine Erklärungen zu Matriarchaten, da sehr viele darüber wenig wissen, und das wenige sind meist nur gängige Vorurteile.
Es folgt ein langes Zitat - Quelle: "Als alle Menschen Schwestern waren" von Irene Fleiss, Christel Göttert Verlag, Band 1, Seite 27/28
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Matriarchale Strukturen
Was unterscheidet matriarchale von patriarchalen Gesellschaften, auf welche strukturellen Verschiedenheiten lassen wir uns ein? Natürlich gab und gibt es sehr viele Formen matriarchaler Gesellschaften, die sich auch voneinander unterscheiden/unterschieden, doch einiges finden wir - mit unterschiedlicher Gewichtung und Ausprägung - bei praktisch allen.
Die Hauptkennzeichen matriarchaler Gesellschaften sind im Überblick:
- Matrilokalität
- Matrilinearität
- volle Verfügungsgewalt der Frauen über den eigenen und den Gemeinschaftsbesitz
- Sippe/Clan statt Kleinfamilie
- sexuelle Unabhängigkeit und Freiheit beider Geschlechter (Anmerkung von mir: es gibt keine Prostitution und keine Vergewaltigungen)
- Besuchs- und Gruppenehe statt Monogamie
- Gewaltfreiheit, konstruktiver Umgang mit Aggression
- Macht bedeutet Kompetenz und Verantwortung
- keine schriftlichen, stehts bindenden Gesetze, sondern Konsensgesellschaften
- Freigebigkeit, Gegenseitigkeit, Verhinderung von Hierarchien (Anmerkung von mir: Besitz wird zum Wohle aller verwaltet, er dient nicht zur Bereicherung einzelner)
- Individualität, Autonomie, Respekt, Einbringen in die Gemeinschaft
- Ritual, Alltag und Freizeit gehen ineinander über
- Gemeinschaften in überschaubaren Größen
- keine Exekutive, auch in zentralistischen Gesellschaften
- Egalität mit Überwiegen der weiblichen Werte und damit der weiblichen Personen
- Göttin als Personifizierung der Schöpfung
- aktiv gesehene Weiblichkeit
- Fruchtbarkeit bedeutet "Fülle des Lebens" nicht "Wachstum"
- Mutterschaft wird gemeinschaftlich aufgefasst
- zyklisches Denken und Feiern (im Rhthmus der Jahreszeiten, der Sonne und des Mondes, manchmal bestimmter Sterne)

Meine persönliche Sichtweise dazu: ich selbst beschäftige mich mit sehr vielen Formen des Feminismus und allem was ich über Frauen politisch sowie spirituell in Erfahrung bringen kann. Finde den "neuen" Feminismus unglaublich inspirierend, vorgestern habe z.B. ein neues Wort gelernt, "Rape Culture" - passt perfekt auf unsere Gesellschaft. Zudem beobachte ich die Strömungen jenseits des Mainstreams in Bezug auf Wirtschaftspolitik und Ökologie (z.b. lokale Währungen, Tauschgemeinschaften, Urban Gardening, DIY, Permakultur, Anti-Atomkraft, Biolandwirtschaft, Veganismus). Darin eingebettet ist nun mein Wissen über matriarchale Kulturen. Ich kann damit einige der KriterInnen am neuen wie alten Feminismus gut durchschauen, da sie sich immer auf unser gängiges Geschichts- und Gesellschaftsbild beziehen ohne es jemals zu hinterfragen. Kurz gesagt, sie glauben, dass Männer die Kultur begründet und erschaffen haben, Krieg ein absolut notwendiger Teil der Zivilisation ist, Frauen bis auf einige wenige Ausnahmen von Natur aus eine untergeordnete Rolle spielen, und sich die Feministinnen in unserer heutigen Zeit in völlig ungerechtfertigter Weise die von Männern in harter Arbeit und mit vielen Opfern erschaffene Welt unter den Nagel reißen wollen. Das ist der 1984 - Effekt (George Orwell) - hier wird vergessen, dass eine Siegerkultur grundsätzlich die Geschichte zu ihren Gunsten umschreibt, die aktuelle Gesellschaftsstruktur als bestmögliche und das Verhältnis der Geschlechter zueinander als schon immer so gewesen propagiert.
Ich war selbst im Jahr 2009 in einem matriarchalen Dorf auf der Insel Flores in Indonesien und konnte sehr gut anhand der Aufzeichnungen des Missionars von 1920 (damals wurden die Inseln erst "entdeckt" - der Missionar kam gleichzeitig mit kolonisierenden Soldaten) und den tatsächlich vorgefunden Tatsachen erkennen, mit wie vielen Fehlern ein weißer, europäischer, christlicher Mann eine ihm fremde Kultur interpretiert und beschreibt. Auf solchen Beschreibungen fußt unser Wissen über die eigene Geschichte und Kultur, als auch unser Wissen über andere Kontinente und andere Gesellschaftsformen. Und dieser Missionar war sogar noch verhältnismäßig aufgeschlossen gegenüber dem was er vorfand und die damaligen BewohnerInnen waren auch ziemlich schlau - sonst würde das Dorf als matriarchales gar nicht mehr existieren.
Natürlich ist auch in Matriarchaten nicht alles perfekt - wie z.b. die oft strenge arbeitsteilige Geschlechtertrennung - aber um hier einzelne Punkte weiterzuentwickeln bzw. sie mit anderen hilfreichen Theorien zu verbinden (z.b. Gender-Mainstreaming), muss erst einmal das vorhandene Material über Matriarchate verstanden und analysiert werden. Oft wird auch die Mütterzentrierung kritisiert. Mutterschaft wird in matriarchalen Zusammenhängen nicht so ideologisch verstanden wie gerade hier in Deutschland. Um mütterlich zu sein, ist es nicht einmal notwendig eine Frau zu sein und als Frau nicht notwendig eigene Kinder zu haben. Es ist eine Haltung, die sich sowohl auf Kinder, als auch auf die Gemeinschaft und die Natur bezieht - im Gegensatz zur Haltung innerhalb einer Rape Culture. Insbesondere werden biologische Mütter niemals so allein gelassen wie hier in Deutschland, alle Mitglieder (Männer, Frauen und ältere Kinder) einer matriarchalen Gemeinschaft fühlen sich verantwortlich für die Kinder und kümmern sich um sie. Auch liegt die Entscheidung, ob sie ein Kind austrägt oder nicht, bei der Mutter.
Was ich vom Kongress für mich mitgenommen habe:
Im Zentrum des öffentlichen Interesses stand der Shitstorm in der St. Gallener Presse. Dazu möchte ich mich nicht ausführlich äußern - es ist einfach immer das gleiche und zeigt mir, dass hier etwas geschieht, was nicht mit patriarchalen Denkweisen und Strukturen vereinbar ist, ja sie sogar bedroht und da steh ich einfach drauf.
Der Kongress wurde von Dr. Heide Göttner-Abendroth und Cécile Keller organisiert und geleitet. Frau Göttner-Abendroth hat zum Thema Logik promoviert. Sie wurde aus der Universität entfernt, weil sie nicht aufhören wollte sich mit Matriarchatsforschung zu beschäftigen. Sie gründete vor 25 Jahren die Internationale Akademie Hagia, um sich einen Rahmen für eine freie Matriarchtsforschung zu schaffen. Die moderne Matriarchatforschung umfasst Geschichte, Mythologie (patriarchal veränderte Mythen werden zurückübersetzt), Patriarchatskritik, Vernetzung mit BewohnerInnen heute (noch) existierender Matriarchate, Entwerfen von matriarchalen Utopien für eine zukünftige Gesellschaft. Frau Keller ist 2003 zu Frau Göttner-Abendroth gekommen, in einer Phase in der sie enorme Schwierigkeiten hatte, weiterhin als Ärztin in der gegeben Struktur in Deutschland zu funktioniern. Bei Frau Göttner-Abendroth fand sie was sie suchte, wohnt mit ihr zusammen und entwickelt und praktiziert seither eine andere Sicht der Medizin.
Tag 1 war der ausführlichen Eröffnung des Kongresses gewidmet.
Tag 2 war internationaler Tag:
- Lydia Ruyle - Künstlerin aus den USA - von ihr stammen die Göttinnenbilder, mit denen der Vortragssaal geschmückt war - sie sprach über Geschichte und Bilder von Göttinnen aus aller Welt. Der Kern: vor den monoteistischen patriarchalen Göttern gab es weibliche Schöpfergöttinnen. Aus dem weiblichen kommt das Leben - so ist die Idee natürlich die naheliegend, Schöpfung ist weiblich.

Lydia Ruyle
es sprachen indigene Wissenschaftlerinnen, die aus existierenden matriarchalen Völkern stammen:
- Prof. Barbara Mann, Irokesin, Seneca, USA - Die matriarchale Politik der Büffel. Sie sprach über die mordenden Europäer, die nahezu gänzliche Ausrottung der Indianer, das bis 1980 bestehende gesetzliche Verbot in den USA für indigene Menschen, über ihre Riten und ihre Kultur zu sprechen und sie auszuüben, die matriarchalen Strukturen ihres Volkes in der Vergangenheit und der Gegenwart und aktuelle Projekte von Frauen (eine Farm für Rennpferde und eine Farm für die Rückzüchtung von Bisons). Fazit: Häuptlinge sind Legende - es ist üblich, dass Beschlüsse im Konsens unter Vorsitz einer Ältesten (Frau) gefasst werden, Männer sind Vermittler nach außen, die die gefassten Beschlüsse weitergeben und verhandeln, sie aber niemals eigenmächtig ändern.

Barbara Mann
- Martina Meneses - Juchitàn, Mexiko - die Frauen von Juchitàn - kann gegoogelt werden für nähere Info - diese Frauen sind leidenschaftliche Händlerinnen. Bemerkenswert: Geld wird nicht angehäuft sondern nur als tatsächliches Tauschmittel verwendet. Es befindet sich im steten Kreislauf. Sie lieben es zu feiern - es finden 620 Feste im Jahr statt. Ein Mann in Juchitàn kann durch das Anziehen eines Kleid eine Frau werden, wenn er das möchte. (Erinnert mich sehr stark an das Konzept der Ladyfeste)

Martina Meneses
- Bernadett Muthien, KhoeSan, Südafrika über Entkolonisierung der Liebe

Bernadett Muthien
- Patricia Mukhim, Khasi, Indien über die matriarchale Politik der Khasi
- Dr. Valentins Pakyntein, Khasi-Pnar, Indien über die Dynamik der Gender Beziehungen anhand eines traditionellen Tanzes
- Letecia Layson Philippinen/USA über die Babaylan im Zeitalter der Globalisierung.
Alles in allem wurden hier Bilder entworfen, die sich sehr von unserer weißen Kultur unterscheiden - manchmal sogar so sehr, dass es von uns weißen Frauen gar nicht vollständig verstanden werden konnte. Es ist wirklich erschreckend, wie einseitig und beschränkt unsere Sichtweise ist. Von der Gewalt, den ganzen Globus damit zu überziehen, ganz zu schweigen.
es sprachen nicht-indigene Wissenschaftlerinnen:
- Dr. Mariam Irene Tazi-Preve, Österreich - sie hat die Erkenntnisse des neuen Feminismus mit denen der Matriarchatsforschung verbunden. Sie stellte die Realität der Kleinfamilie und ihre Probleme dar und stellt dem eine matriarchale Version gebenüber. Siehe auch oben in meinem Text - in einer matriarchalen Version werden Kinder von mehreren Personen in einer Art größeren "Wahlfamilie" betreut - das entlastet die aktuelle Liebesbeziehung, bringt für Kinder mehr Stabiliät, und gibt insbesondere den Frauen mehr Freiheit, in Bezug auf ihren Beruf und andere Partnerschaften.
- Dr. Marguertite Rigoglioso USA über Matriarchale Spiritualtät und Mythenforschung.
Abends fand die Eröffnung des MatriArchivs, der weltweit ersten wissenschaftlich und international orientierten Bibliothek zur Matriarchatforschung statt. Diese Bibliothek ist Teil der Kantonsbibliothek St. Gallen und insbesondere auch dieser Umstand war Gegenstand der harschen Kritik in der St. Gallener Presse - Tenor: öffentliche Gelder für eine Sektenbibliothek. Der Großteil der vorhanden Bücher wurde von Frau Göttner-Abendroth gestifet. Es existieren auch öffentliche Gelder zur Neuanschaffung von Büchern. Der Leiter der Kantonsbibliothek betonte in der Eröffnungsrede, dass es schade sei, dass die Kritiker nicht zu einem Dialog bereit waren, und es nicht Aufgabe einer Bibliothek sei, die Inhalte von Büchern zu werten, sondern lediglich sie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Es wird natürlich darauf geachtet, die Auswahl der Bücher nicht einseitig werden zu lassen und es sind auch jetzt schon durchaus kontroverse Texte zu finden.


Beispiele aus dem MatriArchiv
Tag 3 und 4 - der Praxisteil - es wurden viele existiernde Modelle von Gemeinschaften mit matriarchalen Lebensweisen vorgestellt. Auch Gemeinschaften, die sich nicht explizit auf Matriachate beziehen, trotzdem unbewusst nach deren Werten arbeiten, wie z.b. die Urban Gardening Bewegung. Der 4. Tag wurde mit einem Zug durch St. Gallen beendet, der die Ideen matriarchaler Lebensweisen in die Öffentlichkeit der Stadt tragen sollte.
Es sprachen:
- Kathy Jones, Glastonbury, England - Von der Lady von Avalon inspiriert: Eine Welt mit der Göttin im Zentrum für das 21. Jahrhundert schaffen
- Genevieve Vaugham, USA/Italien - Die Ökonomie des Schenkens in Theorie und Praxis
- Prof. Veronika Bennholdt-Thomsen, Deutschland - Die Politik der Subsistenzperspektive
- Dr. Heide Göttner-Abendroth, Deutschland - Matriarchale Politik und die Vision einer neuen Gesellschaft
- Dr. Ina Praetorius - über das Durcheinander in unserer heutigen Zeit - die Anregung matriarchale Theorien mit anderem zu mischen mit dem Vorwurf Heide Göttner-Abendroths Theorien seien dogmatisch. Hierzu ausführlicher bei Antje Schrupp "die radikal feministische Matriarchatsbewegung" im Shitstorm und bei ceiberweiber.at: Kirche gegen Matriarchatskongress
- Dr. Christa Müller, Deutschland - Urbane Gärten: Kreative Orte einer neuen städtischen Zivilisation - über urban gardening - sie hat auch ein Buch darüber veröffentlicht
- Johannes Heimrath und Lara Mallien - beide leben in einer 1970 gegründeten Gemeinschaft mit matriarchalen Zügen - Matriarchale Aspekte gelebter Gemeinschaft. Die natürliche Verfasstheit einer Wahl-Großfamilie
Zeitschrift oya - wird von der 1970 gegründeten Gemeinschaft verlegt- Lin Daniels MA, USA - Pagoda: Tempel der Liebe und die Pagoda Gemeinschaft. Ein westliches Modell einer matrifokalen Gemeinschaft lesbischer Feministinnen.
- Dr. Angela Cuevas de Dolmetsch, Kolumbien - Nashira. Eine neue matriarchale Gesellschaft in Kolumbien bauen. Sie berichtete von einem Projekt in Kolumbien in dem Frauen mit staatlicher Hilfe ein eigenes Dorf aufbauten und dort Subsistenzwirtschaft betreiben. Dazu muss man auch wissen, dass in Kolumbien bittere Armut herrscht.
JedeR kann sich noch selbst Informationen zu den Referentinnen und den Projekten googlen, teilweise haben sie auch Bücher veröffentlicht. Das hier soll eine Darstellung der Vielfalt des Themas darstellen. Es soll auch zeigen, dass es keineswegs nur eine weltfremde Theorie ist oder - wie oft gerne behauptet wird - dass es Matriarchate nie gegeben hat. Es gab sie, es gibt sie noch, und es gibt sie wieder in allen denkbaren Formen, auch in der dogma-freien Variante erhältlich.